Liebe in Zeiten des Facetime-Putschs

Möchtest du etwas Weltpolitisches hören oder einen ruhigen Abend haben?
Sag.
In der Türkei scheint es gerade einen Putsch zu geben.
Was.

Die Nachrichtensprecherin des türkischen Staatssenders verliest eine Erklärung des Militärs. Sie ist blond, auch ihre Augenbrauen sind blond. Mit ihrer (gerade sehr) blassen Haut entspricht sie zu hundert Prozent einem mitteleuropäischen Schönheitsideal. „Aha, aber so eine blonde Türkin!“, denken sich die Zuseher_innen. Ihr Name, Tijen Karaş, wird nirgends erwähnt werden. Auch die BBC-Sprecher_innen, zu denen die Regie nun schaltet, sind blond.

„Moment mal, wir würden gerne wissen, wer Sie sind, das ist in der Redaktion gerade unklar“, sagt die n-tv-Sprecherin im starren Kostüm zur krächzenden Männerstimme am Telefon. Irgendwelche Menschen werden verzweifelt angerufen, eingeblendet, zwischengeschaltet zwischen die Bilder aus Istanbul. n-tv sendet dann von 00:00 bis 06:00 einfach Dokumentationen zum Thema Terror, da arbeitet in der Nacht niemand, der für Putschs zuständig ist. Die Verquickung von Fernsehen und politischen Unruhen.

Die Brücke über den Bosporus. Die zeigen sie alle, und ständig. Jemand bewegt die Kamera dort, das ist keine Überwachungskamera, jemand ist Kameraperson dort. Und die Frage: Führen Putschs oder territoriale Abspaltungen eher zu Bürger_innenkrieg? Wahrscheinlich territoriale Abspaltungen. Wie Jugoslawien. Immer ist alles Jugoslawien.

Korrespondent_innen, Akademiker_innen, generell Expert_innen, die momentan nichts wissen: Sie unterhalten sich jetzt mit den Journalist_innen, die nichts wissen, darüber, was sie nicht wissen. Aber es muss Content her, wie n-tv zu sein kannst du dir heutzutage nicht mehr leisten, also Content für den Ticker, ein Interview hier, ein Bild da, eine unbestätigte Meldung noch. Ohne mich geht da nichts weiter, denken sich die Journalist_innen, und freuen sich, endlich einen Grund zu haben, lange aufzubleiben – abgesehen vom täglichen Sauflager nach der Arbeit. Übermüdet sein, gereizt sein, überarbeitet sein und so viel Content produzieren wie es geht in Zeiten der Krise: Das ist dann Journalismus, du verstehst. Je mehr Information über ein Ereignis besteht, desto weniger wissen wir – These.

Die Einzigen, die wirklich etwas wissen, sind die Demokrat_innen: Nämlich dass ein Putsch noch nie was Gutes (=Demokratie) gebracht hat und so weiter. Warten wir, bis Erdogan abgewählt wird, sagen die Demokrat_innen, warten wir auf den nächsten Wahlkampf, warten wir, nehmen wir in Kauf, nehmen wir in Kauf. Sie haben lang vergessen, dass die ersten Demokratien erkämpft wurden. Dass in Kauf nehmen Mittäter_innenschaft ist. Überhaupt haben die Demokrat_innen am wenigsten Ahnung ihrer Demokratie, und das zeigen sie immer besonders deutlich in solchen Situationen.

Und
#failedcoup
#resistcoup
hängt – teilweise schon von Anfang an – an den Posts der AKP-treuen Medien. Na was nun? Schon failed oder noch zu resisten?

Im 9. Bezirk ist ein Feuerwerk zu hören.
Feuerwerk für oder gegen den Putsch?
Feuerwerk macht man doch eher für etwas, oder?
Kommt wohl darauf an, was für ein Putsch.

“How does this affect ME the protagonist of reality”, schreibt jemand gleichzeitig ganz weit weg und ganz nahe bei dir.

Jemand zählt die Leichen im Mittelmeer.

Die Anfänge sind da

Folgende Rede wurde am 8. April 2016 bei der Veranstaltung „Tanzen gegen Rassismus“ in Klagenfurt gehalten. 

Ich habe sehr lange überlegt, wie ich heute beginnen möchte. Ich habe mir Begrüßungen, Überleitungen und Spielereien zurechtgelegt. Ich habe mir gedacht – ich sag einfach, dass ich euch jetzt noch ein paar Minuten mit Migrationspolitik nerven darf, bevor die Party steigt. Aber eigentlich habe ich keine Lust auf solche Witzeleien. Was ich wirklich sagen will:

Alles ist scheiße. Alles ist scheiße, wenn man sich die aktuelle politische Lage in Europa ansieht, wenn man sich die Lage der Geflüchteten ansieht, die hier ein besseres, sichereres, weniger lebensgefährliches Leben suchen. Entschuldigung, aber es ist so, es ist scheiße, da kann ich jetzt mit meinem ganzen Journalist_innen- und Autor_innenvokabular auch keinen besseren Ausdruck finden.

Ich bin gemeinsam mit meiner Familie vor etwa zwanzig Jahren nach Österreich gekommen. Damals wütete nicht weit von hier der Bürgerkrieg in Jugoslawien und mehr als 2 Millionen Menschen machten sich auf den Weg, vor allem nach Österreich, Deutschland und nach Schweden. Natürlich gab es damals Vorurteile gegenüber den Jugos, oder wie man auch sagt und sagte, Tschuschen. Natürlich war Österreich damals nicht weniger borniert, nicht weniger provinziell, nicht weniger rassistisch als heute. Natürlich gab es einige, die den Geflüchteten mit irgendetwas zwischen kleinem Hass und großem Hass begegneten. Ich sage hier extra nicht Furcht, weil die Furcht vor Flüchtlingen ist keine Furcht. Furcht ist, wenn man nicht weiß, ob man die eigenen Eltern jemals wieder sieht, oder ob man diesmal, ob man vielleicht heute auf dem Weg zum Haus der Schwester von Bombensplittern erwischt wird. Die Furcht vor Flüchtlingen ist immer eine eingebildete, eine von rechten politischen Akteuren eingeredete, falsche.

Jedenfalls gab es damals, vor 20, 25 Jahren, sowohl seitens der Politik als auch seitens der Zivilgesellschaft die breite Bereitschaft, Menschen, die … nun ja, Menschen, die um ihr Leben flüchten – zu helfen. Es wurden Geflüchteten wie mir und meinen Eltern zum Beispiel Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse ausgestellt. Stellt euch das vor: So ganz ohne Asylverfahren, ohne Rot-Weiß-Rot-Card, ohne Werteschulung und ohne Deutsch- oder Integrationskurs, ohne minutiöse Überprüfung der Nützlichkeit dieser gerade aus dem Schusslinie von Scharfschützen gesprungenen Person für die österreichische Wirtschaft, ohne schikanierenden Gesinnungstests. Das kann man sich heute eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Einfach so eine Aufenthaltsgenehmigung! Für Nicht-EU-Bürger! Für Drittstaatsbürger, für drittklassiges Menschenmaterial! Das ist aber etwas, was ein Staat nun mal machen kann: Leuten, die kommen, ein Leben ermöglichen. Wenn er nur will. Und er wollte. Damals.

Damals, als in kürzester Zeit über 100 000 Geflüchtete – nochamal: HUNDERTTAUSEND! – hierher kamen, haben viele Österreicher_innen Menschen oder ganze Familien bei sich zu Hause aufgenommen. Unter anderen auch meine.

Und heute pinkeln sich Milk-Leitner, Kurz, Faymann und co. an, wenn ein paar tausend Syrer_innen durchreisen.

Es ist erschreckend, wie drastisch sich die Stimmung in zwanzig Jahren verändert hat. In Deutschland häufen sich die Anschläge auf Unterkünfte und Migrant_innen derart, dass eine Meldung eines Brandanschlages nur kaum mehr zu bewegen mag. 2016 sind es schon drei Anschläge pro Tag. PRO TAG! Die Österreicher_innen möchten dem großen Vorbild Deutschland wohl um nichts nachstehen und rüsten laut Medienberichten mit Waffen und Waffenscheinen auf. Anrainer_innen, überhaupt die schlimmste aller Bevölkerungsgruppen, die organisieren überall Widerstände gegen Geflüchtetenunterkünfte. Wie kommen die überhaupt auf die Idee, dass sie da Mitspracherecht haben? Hat mich irgendwer gefragt, ob ich aus meinem schönen, mehrstöckigen Haus mit Garten in Jugoslawien in einen kleinen, dunklen, feuchten-dreckigen Keller in Niederösterreich kommen will? Oder in die Substandard-Wohnung ohne Heizung und Klo in Stadlau? Wisst ihr eigentlich, wo Stadlau ist? NIRGENDWO. Darum geht es – Geflüchtete, diese Unbequemlichkeit, mit der man sich dummerweise durch die Ratifizierung der Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen verpflichtet hat, so weit weg, so isoliert wie möglich zu halten. Ihr kennt das von der Saualm. Aber dazu später mehr.

Vor ein paar Tagen entsetzte mich die Nachricht, dass es nun in einigen Städten Ösistans sogenannte „Sicherheitsbürger“ geben würde, die mit der Polizei zusammenarbeiten würden. Wisst ihr wofür „Sicherheitsbürger“ steht? In den Zeiten der guten alten DDR und Jugoslawiens hießen diese Leute Spitzel. Der österreichische Staat organisiert Spitzel, die der Polizei Verdächtiges und Verdächtige melden sollen. Wenn man sich ansieht, wie vorurteilsbehaftet schon alleine die Polizei hierzulande ist, dann will ich wirklich nicht genauer wissen, wie ungeschulte, selbsternannte Volkshüter zum Beispiel mit den Themen Rassismus und Sexismus umgehen. In Wiens U-Bahnen patrouillieren „private Sicherheitsleute“, in mehreren großen Städten formieren sich „Bürgerwehren“, die autochthone Österreicher und Österreicherinnen vor Kriminalität, das heißt vor braun und ausländisch aussehenden Männern und Frauen mit Kopftuch „schützen“ sollen. Auch das gab es in Zeiten Jugoslawiens, diese Bürgerwehren. Kurz vor dem Zusammenbruch nämlich. Und wisst ihr wozu die da waren? Zur Rekrutierung für die künftigen Armeen des Bürgerkriegs.

Klingt alles ziemlich kacke, oder? Es sind reaktionäre Zeiten, meine Freunde und Freundinnen, zutiefst reaktionäre Zeiten. Die Demokratie hat versagt. Sorry, aber es ist so. Mithilfe unserer tollen Demokratie werden an den Grenzen Europas Menschenrechte und Menschen ins Meer geworfen. Alles ganz legitim demokratisch entschieden, by the way, macht euch da keine Illusionen, dass wenn ihr andere Maxerl hinwählt dass das dann groß anders wäre. Die Europäische Union hat endlich ihr wahres Gesicht gezeigt: Eine Zoll- und Währungsunion, die das mit dem Friedensprojekt und der Solidargemeinschaft mehr so in den Lebenslauf geschrieben hat, weil es cool klingt.

Als Journalistin bin ich es gewohnt, Dinge nach ihren Gründen, Hintergründen und Mechaniken zu analysieren, zu einer vernüftigen Debatte und sachlichem Argumenteaustausch aufzurufen. Aber ich habe sie satt, die ganzen Analysen und Vernunftsaufrufe. Ich sage nicht mehr „Wehret den Anfängen“, denn es ist zu spät. Die Anfänge sind da.

Scheiße, Kacke, Sranje, drek.

Jetzt wäre dann der Zeitpunkt in der Rede gekommen, wo ich euch Mut machen sollte, oder? Na gut. Wir könnten damit anfangen, froh zu sein über die Desillusionierung, die gerade stattfindet. Es zeigt mir, es zeigt uns, was nun wirklich zu tun ist. Damit ihr eines Tages eine Antwort habt auf die Frage: „Mama, Papa, Oma, Opa: Was hast du eigentlich getan, als es mit Europa den Bach runter ging?“

Was ich euch heute nicht sagen werde, ist dass ihr den richtigen Bundespräsidenten wählen gehen oder Petitionen unterschreiben, spenden oder gar demonstrieren sollt. Obwohl das natürlich nicht schadet, versteht mich nicht falsch. (Das kann man schon machen, wenn man zu viel Freizeit hat, oder Geld.)

Wir, also ich und meine Familie und alle anderen die in damals Jugoslawien in Gefahr waren, haben damals ehrlich gesagt wenig mitbekommen von Demonstrationen vor Botschaften und verbalen Solidaritätsbekundungen, als wir im Bunker saßen und die Bomben über unsere Köpfe schießen hörten. Was wir mitbekommen haben, war die aktive Hilfe von Menschen. Menschen, die uns in Sicherheit gebracht haben, Menschen, die uns zu einem Kopf über dem Dach und einem Job verholfen haben.

Ich sage euch, was ihr tun könnt: Lernt Arabisch, Farsi, Dari und Urdu. Geht in die Geflüchtetenunterkünfte und redet mit den Menschen, fragt, was ihr tun könnt. Übersetzt, unterstützt. Kauft Geflüchteten Telefonwertkarten und Guthaben. Geht mit ihnen zu Ämtern und erledigt bürokratische Wege – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwierig das ohne die entsprechenden Kenntnisse und in einer feindlichen Atmosphäre ist. Entwickelt neue, effektive und sichere Kommunikationswege, seid kreativ und überlegt euch neue Aktionsformen und Strategien. Organisiert Veranstaltungen rund um Geflüchtetenunterkünfte, für und vor allem mit den Bewohnern und Bewohnerinnen. Macht die Geflüchtetenunterkunft in eurer Nähe zum zentralen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umschlagplatz, zu einem Ort, der positiv besetzt ist und wo niemand mehr auf die Idee käme, einen Anschlag darauf zu verüben  – auch, weil ihr euch abwechselt, darauf aufzupassen.

Fahrt an die Grenzen und seht, was man dort tun kann. Wenn das vor 20 Jahren niemand gemacht hätte, würde ich heute nicht vor euch stehen. Und bleibt klug und vorsichtig dabei! Distanziert euch zur Sicherheit von allen Aufrufen zu Schlepperei oder anderen kriminellen Umtrieben, nicht dass eure Rede bei Tanzen gegen Rassismus noch missverstanden wird!

Tanzen gegen Rassismus … Ja, tanzen kann man auch. Soll man auch. Ist ja nicht unsere Revolution, wenn wir nicht tanzen können, oder? Aber sorgt morgen dafür, dass wir heute nicht umsonst vorgefeiert haben.

Smart fašizmu, sloboda narodu!

Helfen am Hauptbahnhof

Ich muss was loswerden. Ich muss… Ja. Anders kann ich es nicht beschreiben, als dass da irgendetwas in mir drinnen „wurlt“, was ich weg-, heraus- oder losschreiben muss.

Zwei Schichten habe ich nun schon am Hauptbahnhof Wien bei der Versorgung von größtenteils syrischen Flüchtlingen, die gerade aus Ungarn über Österreich oft nach Deutschland unterwegs sind, verbracht. Und diese paar Stunden haben in mir so viel ausgelöst, dass ich diesen Blogpost schreiben muss, um meine Gedanken zu ordnen, um mich wieder zusammenzusetzen. Keine Klugen Leads hier, keine schlauen Wortspiele, kein Superduperjournalistinnentum, nur ausschreiben.

Ich bin selbst Flüchtling. Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen. Aber wahrscheinlich sagt das auch schon fast alles.

Als ich am ersten Tag um etwa 6:30 zur Morgenschicht antrat, schliefen ungefähr 40 Geflüchtete auf Feldbetten in einem Raum der ÖBB am Wiener Hauptbahnhof. Es war ruhig, es waren nicht sehr viele Helfer_innen da, vielleicht 20. Ein paar kannte ich schon und freute mich sehr, sie dort zu sehen. Man unterhielt sich über schwierige Fälle und wie man damit umgehen soll. Das erste, was ich tat, war mich über die Attitüde der helfenden „Schwabos“ zu ärgern. Aber dazu mehr später.

Ich gab meine Spenden (größtenteils Kleidung) ab und übernahm dann die Social-Media-Betreuung der Accounts der selbstorganisierten Helfer_innengruppe. Auf Twitter und auf Facebook wurden hier, anders als am Westbahnhof, wo alles ein bisschen analoger organisiert ist, ständig Updates dazu gepostet, welche Spenden gebraucht wurden, wovon es genug gab, auch andere organisatorische Fragen wie die Leihgabe teurerer Dinge oder Anfragen für Autotransporte wurden fast ausschließlich über diese Kanäle abgewickelt. Es war viel Arbeit: Minütlich kamen die Fragen und Spendenangebote der Menschen als Mentions, Facebookkommentare oder Privatnachrichten an.

Am Social-Media-Tisch saßen oft auch Koordinator_innen, und so bekam ich sehr viel von den verschiedensten Aufgaben, die an so einer Support-Stelle anfallen, mit. Wer kann Geflüchteten in der Nähe eine Duschmöglichkeit bieten? Wer begleitet sie dorthin? Wer kümmert sich darum, dass Decken gewaschen werden? Wer organisiert die Kommunikation zwischen Lager und anderen Kanälen? So viele Dinge gibt es zu bedenken und zu erledigen, jede paar Sekunden kommt etwas Neues, was noch nicht vorhergesehen wurde, dazu.

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Foto: Olja Alvir

Eines der Dinge, die ich als erstes mitbekam, war die Tatsache, dass viele schon lange Zeit ununterbrochen am Hauptbahnhof gewesen waren und kaum Pausen gemacht hatten. Ich kenne dieses Phänomen in der Freiwilligenarbeit schon sehr gut. Wenn man erst mal drinnen ist, wenn man erst mal in einem Flow ist, dann ist es schwer, auszusteigen. Man hat sich doch gerade erst eingearbeitet! Und jetzt könne man erst recht nicht gehen, jetzt ist doch Y passiert und außerdem wird X erwartet. Und wenn nicht jetzt jemand Z macht, dann wissen die Leute danach ja überhaupt nicht, was zu tun ist. Ach, mit einem Kaffee geht das schon!

Selbstverständlich ist es schön, dass Menschen anderen Menschen bis zur äußersten Erschöpfung helfen wollen. Allerdings beschleicht mich auch das Gefühl, dass es einen unterbewussten „Wettkampf“ gibt, wer es länger aushält. Nach 7 oder 8 Stunden schon zu gehen – dafür schämte ich mich fast. Aber ich habe mich schon oft in meinem Leben auf diese Art und Weise überarbeitet, was mich zu einer gewissen Konsequenz erzogen hat. Das ist eine der Schattenseiten des Helfens. Es werden in diesem Post noch einige kommen – vielleicht ist das eine Art „Motto“ dieses Textes, mal sehen.

Die nächste Sache, die mich sehr nachdenklich gemacht hat, war eine Diskussion darüber, welche Tickets mit Spendengeld gekauft werden. Einige waren der Ansicht, dass man Geflüchteten nur Tickets nach München zahlen sollte, wo sie mindestens einmal in Deutschland sind und dann weiterschauen können. Man könne keine Tickets für aussichtslose oder teure Destinationen wie Italien, Hamburg oder Berlin zahlen. Irgendwer sagte: „Ich kann da kein Wunschkonzert spielen.“ Dass irgendwelche dahergelaufenen Nicht-Geflüchteten Schwabos darüber entscheiden, wohin ich fahren darf und wohin nicht – das war für mich, aus meiner persönlichen Flüchtlingsperspektive, beleidigend. Ich verstehe zwar die Überlegung, dass man lieber vielen ein bisschen helfen möchte statt mehrere hundert Euro für Tickets nach Belgien auszugeben. Aber dann muss man doch konsequent sein, oder? Dann müsste die selbstorganisierte Supportstelle eine Art Antragsprozedere einleiten, wo geprüft wird, wer inwiefern bedürftig ist… Und das ist doch exakt, was die Staaten im Asylzirkus machen. Nein. Ich habe immer gesagt: Zahlt allen alles, so lange wir können. Man kann als Nicht-Involvierter nie wissen, warum jemand zum Beispiel ausgerechnet jetzt nach Budapest will. Oder in die Schweiz. Vielleicht hat die Person Familie dort! Vielleicht kennt sie jemanden, der sie dort unterstützen kann. Man darf sich, denke ich, als helfende Person nicht anmaßen, die Bedürfnisse Geflüchteter zu policen. Man kann sie darüber informieren, dass Italien sie wahrscheinlich wieder nach Ungarn zurückschickt, ja. Aber man sollte niemals eine weitere Hürde sein, auch nicht im guten Willen, sondern immer versuchen, eine Leiter zu sein.

Wenn ich so Leiter schreibe, dann muss ich daran denken, wie schnell auch teilweise ausgefallene Spendenwünschen am Hauptbahnhof nachgekommen wird. In meiner ersten Schicht war es so, dass maximal eine halbe Stunde, nachdem zum Beispiel auf Twitter nach Schachteln gefragt wurde, mindestens drei verschiedene Leute mit einem Haufen Schuhkartons da waren. Bei meiner zweiten Schicht überschlugen sich die Dinge bereits so sehr, dass man fast sofort nach einem Aufruf schon den Aufnahmestopp verkünden muss, weil man sonst mit 14 Generatoren oder 8 Megafonen dasteht und aber nur 2 braucht.

Foto: Olja Alvir
Foto: Olja Alvir

Es ist unglaublich und unglaublich schön, dass die Leute die Kanäle des Hauptbahnhof-Teams verfolgen und so spontan aufspringen können. Andere melden sich gleich für „jederzeit“: „Ich wohne hier in der Nähe, bei mir können Leute duschen und auch schlafen, ruft einfach an wenn ihr etwas braucht.“ Von einer so breiten, schnelle und großzügige Hilfsbereitschaft hatte ich fast nicht mehr zu träumen gewagt. Natürlich, es gibt immer ein paar komische Leute, die glauben, dass Ski, Schlittschuhe, Faschingskostüme und High Heels annehmbare spenden sind. Aber im großen und Ganzen machen sich die Leute Gedanken darüber, was Geflüchteten guttun könnte.

In den letzten Jahren bin ich dank der Organisation des Femcamps 2014 und meiner Arbeit in der ÖH mit basisdemokratischen Organisationsformen vertraut geworden. Niemals hätte ich mir aber gedacht, dass sie auch in Drucksituationen wie dieser derart gut funktionieren können. Das Team am Hauptbahnhof arbeitet schnell, koordiniert und professionell – und das ohne Chef. Klar hat der Hauptbahnhof-Support ein (nicht unbedingt medienscheues) Gesicht, klar gibt es Leute, die schon länger dabei sind und mehr gefragt werden. Auch steigt manchmal jemand auf den Tisch um etwas zu sagen. Aber 99 Prozent der Zeit ist es:

„Könntest du bitte … ?“
„Wir vom … bräuchten bitte noch … .“
„Hoppala, wir haben ganz vergessen, uns um … zu kümmern!“

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich jemandem unterstehe oder jemandes Befehle auszutragen habe (hätte ich auch nie, das ist aber eine andere Geschichte). Ich habe zwar viel am Computer gemacht, habe aber auch aufgeräumt, Botengänge durchgeführt, mit Geflüchteten gesprochen, Poster gemalt und so weiter. Und so ging es den meisten, wie ich beobachtet habe: Niemand war sich zu schade, für einen Tag das Putzpersonal zu sein. Man kommt einfach zum Hauptbahnhof und sagt: „Hallo, ich bin jetzt da, wie kann ich helfen?“ und arbeitet sich dort ein, wo man gerade gebraucht wird. Achja, das ist auch ein toller Aspekt: Wie schnell und flexibel und spontan alle sich einbringen. Keine Teambuilding-Seminare in der Steiermark, sondern einfach Teamwork. Keine Einschulungen mit Klemmbrett-Notizbuch, sondern Hausverstand, Eifer und Mitdenken. Für mich ist die Arbeit am Hauptbahnhof gerade eines der schönsten Beispiele dafür, wie ein unabhängiges Projekt von null aus entstehen kann, ohne Hierarchien zu benötigen. Dadurch, dass ständig und auch spontan die Belegschaft wechselt, wäre es sogar viel mehr Arbeit und wahrscheinlich auch an der Grenze des Möglichen, durchgehend dieselbe „Leitung“ und Struktur durchzusetzen.

Foto: Olja Alvir
Foto: Olja Alvir

Viel wurde schon gesagt über Selfies beim Helfen – Helfies? – und ich weiß gar nicht mehr, was man da noch hinzufügen könnte, außer: Soll man sich nicht gut fühlen beim Helfen? Soll man das nicht artikulieren? Welches Gefühl sollten Helfer_innen dann beim Helfen haben? Reden wir darüber, denn das ist eine Frage, die an den Kern vieler Existenzen – nämlich die Motivationen, wegen derer man Dinge tut – geht. Ich würde sagen: Sich beim Helfen gut zu fühlen ist gut. Es sollte aber nicht der Zweck sein. Man sollte auch Helfen, wenn es sich ganz org scheiße anfühlt, aber trotzdem richtig ist. Was allerdings nicht sein sollte, ist „So hilft mein Österreich“ und „ich bin so stolz auf meine Landsleute, die so brav helfen“. Helfen sollte nicht stolz machen. Helfen, bescheiden bleiben.

Ich habe hier jetzt irgendwie viele Dinge geschrieben, die oft während ähnlicher Aktionen verschwiegen werden, um tolle Projekte wie der Support am Hauptbahnhof es ist nicht unnötig schlecht zu machen. Aber ich halte es für wichtig, auch Freiwilligenarbeit zu reflektieren. Ich hoffe, ich bin niemandem auf die Zehen gestiegen. Wie so oft ist es einfacher, Negatives zu artikulieren als Positives, aber ich versuche es trotzdem:

Zu sehen, wie selbstverständlich und selbstlos andere Geflüchteten helfen, wärmt einen ganz ganz besonderen Winkel meines Herzens.

Zu sehen, wie respektvoll alle miteinander umgehen, ist wunder-, wunder- wunderschön.

Zu beobachten, wie aus dem Nichts heraus etwas Unabhängiges, Pures – einfach Kraft des Willens der Mitmachenden – wächst, ist eine Erfahrung, die mich demütig werden lässt.

Ich hoffe, ich kann euch auch nur annähernd so viel geben, wie ihr mir.

Links:

refugees.at

„Train of Hope – Hauptbahnhof Vienna“ auf Twitter

„Train of Hope – Hauptbahnhof Vienna“ auf Facebook

#hbfvie

#refugeeswelcome

Sorry seems to be the hardest word

Was eine echte Entschuldigung ist, scheint noch nicht zu allen durchgedrungen zu sein. Das zeigen Online-Statements verschiedener Unternehmen und Einzelpersonen, an denen Kritik geübt wird. Im Zeitalter der Shitstorms und Social-Media-PR umso wichtiger, Klarheit zu schaffen. Eine Anleitung

Ein aktueller Anlass bzw. ein gutes Beispiel für eine Nichtentschuldigung ist die ARD, die mit ihrer Kampagne zur Themenwoche „Toleranz“ die Menschlichkeit von Homosexuellen, Schwarzen und behinderten Menschen in Frage stellt. Zum Beispiel mit diesem Sujet:

Titelblatt der Broschüre zur Themenwoche „Toleranz“
Titelblatt der Broschüre zur Themenwoche „Toleranz“

Nach einigen Stunden harter und gerechtfertiger Kritik auf Social Media ringt sich die ARD zu folgender Aussage durch:

Ich übersetze: “Yeah, wir sind im Gespräch, genau das wollten wir! Gut haben wir das wieder mal gemacht. Und habt euch jetzt nicht so. Wir haben entschieden, dass das nicht verletzend ist, daher, ja.” Ähnlich reagiert der Hessen-Rundfunk auf Widerstand, auf den ihre grenzüberschreitende Sendungsankündigung zu einem Streitgespräch gestoßen ist:

Ein anderer Vorfall ist die Deutsche Direkthilfe, die wegen eines paternalistischen Kommentars auf den Twitter-Hashtag #NotJustSad, unter dem Erfahrungen depressiver Menschen gesammelt wurden, kritisiert wurde:

Soll heißen: “Ja okeh, okeh, schreit nicht so herum. Wir wollten nicht, dass das so ein großes Ding wird. Und was relevant ist, sagen auch immer noch wir.“

Das sind nur einzelne Vorfälle, die gerade bei der Hand liegen, doch diese Bewältigungsstrategie für Kritik zieht sich durch die meisten Sprachräume und Branchen. Das letzte Beispiel soll auch illustrieren, dass die Unfähigkeit, sich zu entschuldigen, nicht nur bei (multinationalen) Konzernen beobachtet werden kann, sondern auch bei NGOs, die vorgeben, Menschen helfen zu wollen. Es handelt sich bei den Äußerungen jedenfalls nicht um Entschuldigungen, sondern um verstecktes Selbstlob (Wir sind im Gespräch!) und/oder Selbstgerechtigkeit (Wir sind doch so edel, wir würden nie jemanden verletzten wollen!); im schlimmsten Falle werden die Nichtentschuldigungen zu Belehrungen oder Verhaltensanweisungen an die Menschen, die eins verletzt hat: “Es soll nicht verletzend sein”, heißt: “Ihr habt da etwas falsch verstanden, hört auf, euch verletzt zu fühlen.”

Diese Nichtentschuldigungen (auch Nopology oder Notpology genannt) sind erstens natürlich moralisch höchst fraglich – besonders etwa im Falle von öffentlich-rechten, ähm, ich meine, öffentlich-rechtlichen Sendern wie der ARD, die meinen, Menschenrechte wären diskutierbar. (Von großen Konzernen moralische Handlungen oder Kommunikation zu verlangen ist wohl ohnehin utopisch.) Die Pseudoentschuldigungen sind aber auch von einer ganz brutal-kapitalistischen Unternehmenslogik heraus oft falsch: Sie führen meistens nicht dazu, dass sich das Scheißgestürm legt, im Gegenteil: Sie heizen die Diskussion oft auch noch zusätzlich an. Aus diesen Überlegungen heraus hier eine Definition von Entschuldigung und ein gratis Kurzworkshop im richtigen Entschuldigen:

Genau hier nämlich liegt die allererste, offenbar für die meisten unüberwindbare Hürde. Einfach mal nur zuhören, anhören, was Menschen bzw. eine Community zu sagen haben. Oft ist es klüger, ein wenig zu warten und nicht sofort zu antworten.

Offizielle Accounts oder Accounts von Unternehmen versuchen gerne, schlagfertig, schnippisch oder witzig zu sein – eine Möglichkeit, in Social Media für sich PR zu machen. Bei Kritik jedoch fatal. Es geht hier gerade nicht darum, einen Schlagfertigkeitswettstreit zu gewinnen, ihr könnt euren Wettbewerbsgeist wegpacken.

Die Mindestanforderungen an eine Entschuldigung. Hat die ARD im aktuellen Fall beispielsweise nicht erfüllt. Aber Moment, es kommt noch mehr:

Hier sind wir beim Kern des Problems angelangt: Dass einem die Zacke aus der selbst gemachten und selbst aufgesetzten Krone fällt, wenn eins zugibt, etwas falsch gemacht zu haben. Deshalb werden von den Verletzern rhetorische Tricks angewandt, um sich von Schuldeingeständnis (und damit übrigens auch Erkenntnisgewinn und Lernpotenzial) wegzuaalen. Ganz beliebt ist der Gegenangriff mit dem Vorwurf, das Publikum hätte alles nur falsch verstanden und würde sich zu Unrecht angegriffen fühlen: „War nur Provokation“ und „war nicht beleidigend gemeint“. Notieren: Dass eins eine andere Intention hatte oder nicht die Intention, jemanden zu verletzen, ändert nichts an der Verletzung. Ist ein nettes Beiwerk, zu wissen, dass eins nicht vorsätzlich verletzt wurde, kann aber nur zweitrangig in einer Entschuldigung sein.

Daher kommen wir jetzt zur zweiten Minimalstanforderung für eine echte Entschuldigung:

Und zuletzt ein Beispiel (hier mit ARD im Kopf):

Links:

Über falsches Shitstormmanagement und Skandale zweiter Ordnung

Die Kunst der Nichtschuldigung

Was man am Goldman-Sachs-Skandal lernen kann

Toleranz ist scheiße

Schleppungswillige

Folgender Text wurde am 13. August 2014 beim Solidaritäts-Event für Repressionsbetroffene „Josef erlesen“ vorgetragen.

1

2

Auf der Rückbank liegt das Kind schlafend auf dem Schoß der Mutter. Ihr zärtlicher Blick wird unterbrochen von einer Laus, die dem Mädchen über die Wange läuft. Die Mutter zuckt kurz auf, ekelt sich. Aber sie beherrscht sich, bewegt sich nicht, um das erschöpft mit offenem Mund schlafende Kind nicht zu wecken. „Ein Souvenir aus dem Flüchtlingslager“, denkt die Mutter. Im Auto wird nicht geredet. Es sind die lezten Kilometer vor der Grenze. Die Fahrerin versucht, einen zuversichtlichen Eindruck zu machen, aber die Sehnen an ihren Handgelenken verraten ihre Anspannung. Gleich, gleich die Grenze. Die Hügel brechen auf das Sichtfeld herein, die Kulisse verlangsamt sich, windet sich fischäugig davon. Sand, Sand in den Kehlen, Sand in den Ohren, zwischen den Fingern. Dann: Die Fahrerin wird durchgewunken – Diplomat*innenkennzeichen.

Der Vater wartet auf der anderen Seite der Grenze. Er war mit einem grimmigen, ihm unbekannten Mann mit Fähren, über Inseln und Bergstraßen, durch Felder und über Traktorwege ins Land gekommen. Er hatte dem Strinrunzler dafür dankbar so viel Geld gegeben, wie er nur konnte.

’92 war das Blödeste, was du machen konntest, Asyl zu beantragen. Das sprach sich unter den Flüchtlingen schnell herum und die allerwenigsten fielen darauf herein, auch wenn die Behörden im Flüchtlingslager immer dafür warben, eins ständig dazu verführen wollten. Nein, es läuft etwa so: Du reist mit dem kroatischen Pass nach Österreich ein. Diesen Pass versteckst du nach der Grenze sofort so gut du kannst und zeigst ab nun nur mehr den bosnisch-herzegowinischen her. Wenn du gefragt wirst, wie du mit diesem nicht gültigen Pass nach Österreich gekommen bist, stellst du dich unwissend. Es habe am Grenzübergang niemand nachgesehen. Dann versuchst du, direkt als Flüchtling eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu bekommen. Kein jahrelanges Herumscheißen am Asylgerichtshof.

So machte es auch die Familie mit dem Lauskind. Die befreundete Diplomatin, die Schlepperin, besorgte dem Vater schnell einen Job. Die Mutter schrieb nachts Deutschübungen, lernte konjugieren und deklinieren und die Geschlechter der Nomen nie wirklich. Das Kind war noch klein. Es verstand nicht viel davon, was passierte, einzig die restlichen Familienmitglieder gingen dem Mädchen ab. Aber auch das würde sich bald ändern. Sobald sich herumsprach, dass die Lauskind-Familie einen Aufenthaltstitel in Österreich bekommen hatte, also dass die Lauskind-Familie es geschafft hatte, ging es an Teil zwei der Reise: Die Flucht der anderen. Mutter und Vater Lauskind organisierten Bustickets, holten Menschen von der Grenze ab, stellten Kontakte her, schickten Geld, bekamen Geld, gingen für Familie, Freunde, Bekannte und Unbekannte zu Behörden. Eines Tages stand Onkel Lauskind augenberingt und ohne Koffer vor der Tür der Substandard-Wohnung. Das Lauskind sprang ihm schluchzend ans Hosenbein und würde zwei Jahre lang kaum loslassen.

Später würde das Mädchen erfahren, dass Onkel Lauskind während des Krieges führend im Paramilitär war. Das war der Grund, warum er flüchten musste, warum er in der Heimat, die er so liebte, verfolgt wurde. Der Grund, warum er im Flüchtlingslager in Österreich in Schlägereien geriet. Er war ein Mörder. Aber da war es zu spät, diese Information kam viel zu spät, jetzt liebte sie ihn ja schon. Jetzt war er schon täglich mit ihr zum Spielplatz gegangen und hatte ihre Kuscheldecke für sie gehalten, während sie beim Spielen in der Sandkiste unabsichtlich Hundekacke ausgrub. Jetzt hatte er sie schon bei den Wettrennen bis zum Postkasten gewinnen lassen. Jetzt hatte der Mörder ihr schon begeistert viel zu dicke Nutellabutterbrote geschmiert. Jetzt war es zu spät, ihre Hände für immer klebrig mit Kinderliebe.

3

Geerbt habe ich meinen üppigen Haarwuchs übrigens von meinem Vater. Generell sehe ich meinem Vater und seinen Geschwistern sehr ähnlich, aber nicht nur die krumme Zinkennase habe ich von ihnen geerbt, nein, auch die überproportional dichten und störrischen Zotteln pflanzten sich bis zu mir fort: Haare auf den Armen, Flausch im Nacken, leichte Wolle am Bauch, Strähnen um die Nippel. Mein Vater und seine Brüder sind Männer mit buschigen Augenbrauen und vielen dicken Haaren auf den Armen und Brüsten. Die Art von Mann, die im Alter lange Nasen- und Ohrenhaare bekommt.

Was ist eigentlich los mit diesen Ohrenhaaren? Je älter man wird, desto mehr von den Sensibelchen, die für das Gehör notwendig sind, sterben aus. Sie sterben einfach weg. Die einzigen Haare am ganzen Körper, die nicht nachwachsen, sind ausgerechnet jene, die einen Sinn ausmachen.

Stattdessen bekommt man diese Wucherungen auf der Innenseite der Knorpelmasse, die sich vor dem Gehörgang türmt. Die Haare wandern aus dem Ohr heraus und machen sich vor dem Ohr sesshaft. „Tragus“ heißt dieser Knorpelknust, der das unnötigste aller Haarbüschel trägt. Wobei – Haare auf der großen Zehe sind ähnlich entbehrlich. Davon hat mein Vater allerhand, ich glaube sogar auf jeder Zehe, auch der kleinen, ein paar. Seitdem seine Haare langsam weiß werden wird der Volksschullehrer immer seltener grundlos von der Polizei vor seiner Schule angehalten und kontrolliert.

Einmal, als ich sechs oder sieben war, wurde unser Auto am Weg zum Schwimmbad von der Polizei zur Seite gewunken: Routineuntersuchung. Statt im Chlorwasser verbrachten wir den Tag auf der Polizeistation. Sie hatten uns nicht geglaubt, dass wir verwandt sind, trotz der vielen Haare.

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Die gut situierte Familie Alkaisy konnte aus dem Irak Dokumente und Beweismaterial schicken, sodass für die österreichischen Behörden nachvollziehbar wurde, was passiert war. Zeugnisse, Zeitungsschnipsel, Einladungen zu Vernissagen, Flyer von Veranstaltungen, Plakate, Fotos, Anzeigen, Gerichtsmitteilungen: Büromaterial Vergangenheit. Nach sieben Monaten des Zusammensuchens von Puzzlestücken dann endlich der positive Bescheid: Alkaisy konnte in Österreich bleiben. Politische Verfolgung als glaubhaft befunden. “Zurückgehen zu müssen war mein größter Albtraum”, meint sie. Was sie getan hätte, wenn ihr Asylbescheid negativ gewesen wäre? “Ich weiß es nicht. Wenn ich mich umbringe, gewinnen ja die Bösen.”

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ظلم nennt Alkaisy das, „zhulum“. Es ist ein Wort, viel härter noch als der Begriff Ungerechtigkeit. Das Deutsche hat keine Überserzung dafür, hat keine Übersetzung für seine eigenen Verbrechen. Die Fassade des “Hotel Mozart” bröckelte für Alkaisy: Das Österreich, das ihre Eltern ihr so idyllisch beschrieben hatten und das sie wegen der Kultur und insbesondere der Musik so liebte, zeigte sein hässliches Innenleben. “Die Österreicher und die Hergekommenen sind wie Wasser und Öl. Sie können gemeinsam an einem Ort sein, sich aber nie mischen”, sagt Alkaisy. “Langsam wird mir klar: Ich bin nicht einfach ein Mensch. Ich bin ein Flüchtling.”

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Österreich, halt’s Maul, du hast keine Ahnung, was eine Straßenschlacht ist.

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Aus rechtlichen Gründen kann dieser Inhalt in ihrem Land nicht vorgelesen werden.

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„Ich bekenne mich teilschuldig“, übersetzt der Gerichtsdolmetscher die Worte des angeklagten Flüchtlings. Der Mann weint. Er habe nicht gewusst, dass es in Österreich verboten sei, anderen Menschen zu helfen.

„Hallo? Ja, hallo, hier Schleppungswilliger am Apparat!“

Der Text „Schleppungswillige am Apparat“ erschien in der August-Ausgabe des „Augustin“ (Nr. 371).

Der Prozess gegen acht Refugees in Wiener Neustadt erweist sich als Vorhaben, Flucht(-Hilfe) und politischen Protest zu kriminalisieren. Zugtickets, Bustickets, Mitfahrgelegenheiten oder Schlafplätze zu organisieren, Fahrplanauskünfte zu geben: Solche Organisationsleistungen können heutzutage strafbar sein, wenn du Flüchtling und zu allem Überfluss noch politisch im Refugee-Protest aktiv bist.

§114 im Fremdenpolizeigesetz mit der Überschrift „Schlepperei“ dazu sinngemäß:

„Wer die rechtswidrige Einreise eines Fremden mit dem Vorsatz fördert, sich durch ein dafür geleistetes Entgelt zu bereichern, ist vom Gericht mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.“

Von Bereicherung ist im seit Februar laufenden Prozess gegen acht (größtenteils aus Pakistan kommenden) Refugees allerdings noch wenig Rede: Beschuldigte und Kontoauszüge sprechen von Geldsummen zwischen zehn und 50 Euro – als „Dankeschön“ oder um Spesen abzudecken, sagen die Beschuldigten. Die größte Kontobewegung, von der im Gericht bisher gesprochen wurde, waren 200 Euro – das Geld konnte aber bisher nicht mit etwaigen „Schlepperaktivitäten“ in Zusammenhang gebracht werden. Auch der im Fall leitende Ermittler, Chefinspektor Korner, kann weder in der Anklageschrift noch vor Gericht erklären, von welchem Gewinn oder welcher Bereicherung für die Beschuldigten überhaupt ausgegangen wird.

Ähnlich dünn sieht es auch bei der restlichen Beweislage aus: Die Anklageschrift gegen die acht Flüchtlinge stützt sich weitestgehend auf Telefonprotokolle. Im Rahmen des ersten Teils des Prozesses im Februar wurde klar, dass es etwa bei Übersetzungen derer zu großen Fehlern gekommen ist. „Leute“ oder „Burschen“ wurde hierbei etwa mit „Schleppungswillige“ übersetzt. Die Längen der Originale in Dari, Farsi, Pashto und Urdu und die der deutschen Übersetzungen stimmen nicht überein, was auf weitere Fehler, Auslassungen oder Dazudichtungen hinweisen könnte. Es kam auch zu falschen Zuordnungen von Personen bzw. ihren Stimmen und daher Überschneidungen, Mehrfachnennungen und Widersprüchen. Mitunter fällt Zeugen und Ermittlern auch die Identifikation der Beschuldigten im Gerichtssaal schwer.

Der Prozess wurde von der Richterin Petra Harbich daraufhin nach fünf Prozesstagen im März abgebrochen. Sie veranlasste eine Überprüfung der Anklageschrift, mit der sie „in dieser Form nicht arbeiten“ konnte. Im Zuge dessen wurden die beschuldigten Refugees auf Antrag der Staatsanwältin nach acht Monaten enthaftet.

Der Prozess wurde im Mai wieder aufgenommen – ohne sichtbare Verbesserungen oder merklichen Änderungen. Viele der Telefonate, die belastend sein sollen, waren beim Vorspielen im Gerichtssaal unverständlich, verzerrt, rauschten. Ein Gerichtsdolmetscher meinte bei einem Prozesstag im Juni, er könne zu einem gehörten Gespräch nicht viel sagen, da er nichts verstanden hätte und nur Mutmaßungen anstellen könne.

Weitere Streit- und Verhandlungspunkte sind etwa Wohnsituation und Besitz der Refugees. Es wurde im Gericht versucht abzuklären, ob diese überhaupt die Möglichkeiten haben, Fluchthilfe zu organisieren oder beispielsweise selbst Schlafplätze anzubieten. Dazu wurden wenig ergiebig Leitung und Mitarbeiter eines Kolping-Hauses befragt. Ominös bleiben auch die Geschichten von einem mutmaßlichen „Schlepper-Boss“ Bobby Shah, der im Hintergrund die Fäden gezogen haben soll. Die Polizei hätte diesen laut Anklageschrift und Aussagen ausgefahndet und bereits konkret geplant, diesen festzunehmen – dies ist aber seltsamerweise nie passiert. Warum genau es zu dieser Entscheidung kam und wer den Befehl zum Abbruch der Operation gegeben hat, können weder Chefinspektor Korner noch Bezirksinspektor Kranz sagen.

783 Personen soll der „Schlepperring“ 2013 laut Anklageschrift nach Österreich oder weiter gebracht haben. Keine der Personen nannte bei Befragung Namen der in Wiener Neustadt angeklagten Refugees – das bestätigt die Polizei. Einer der Beschuldigten bekannte sich dennoch teilschuldig: Er hätte nicht gewusst, dass es in Österreich strafbar sei, anderen Menschen zu helfen, kann und will aber nicht leugnen, dass er es getan hätte.

Am Montag, dem 8. September 2014, gehen die Verhandlungen gegen die acht Refugees im Landesgericht Wiener Neustadt weiter (9:00, Schwurgerichtssaal, 1. Stock). Unterstützung und Prozessbeobachtung sind seitens der Beschuldigten ausdrücklich erwünscht. Einen ausführlichen Live-Ticker und aktuelle Informationen vom Fluchthilfeprozess gibt es unter prozess.report/fluchthilfe  und auf Twitter bei @Prozessreport.

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Vienna Pride: Angriffe und Festnahmen

Am 14. Juni 2014 fand in Wien wieder die jährliche „Vienna Pride“ mit mehr als 150 000 Besucher*innen statt. Wovon euch die Medien im Zuge der Regenbogenparade nicht erzählt haben:

  • Die Gegenkundgebung christlicher Fundamentalisten, Abtreibungsgegner*innen und Männerrechtler wurde auch von Rechten besucht. Bilder auf Social Media – zum Beispiel der Seite einer anwesenden Gruppierung „Wiedeńska Inicjatywa Narodowa“ (Wiener Volksinitiative) und auf Twitter – belegen dies. Angereist waren laut vielen Augenzeug*innen auch rechte Demotouristen aus der Slowakei und der Ukraine.

  • Sonja Grusch von der SLP (Sozialistische Linkspartei) berichtet: „Während der Kundgebung wurden uns von Rechten eine Fahne mit Regenbogen und eine Tafel entrissen und zerstört.“ Grusch wollte den Vorfall zur Anzeige bringen. „Ich habe mehrere Polizist*innen angesprochen. Alle haben mir die Anzeigeerstattung verweigert.“ Auch die Vorsitzende der SLP bestätigt die Anwesenheit Rechter aus dem Ausland.
  • PassantInnen bezeugten polizeiliche Willkür und Repression in der City: „Die Polizei kesselte friedliche Demonstrierende ein und führte grundlos Personenkontrollen durch.“ Außerdem hätten PolizistInnen die Ausgabe ihrer Dienstnummer verweigert und keine Festnahmegründe genannt, sagen AktivistInnen.

  • Lehrende der Universität Wien beobachteten am Nachmittag einen Angriff auf BesucherInnen der Parade. „Hinter der Universität gingen vier junge Rechtsextreme auf zwei etwa dreißigjährige Männer mit Pride-Fahne los“, sagt die Wissenschaftlerin (Name bekannt). „Als mein Kollege und ich dazukamen, sahen wir, wie ein Rechter einen der Pride-Besucher mit einer Glasflasche auf den Kopf schlug.“ Der Paradeteilnehmer sei an der Schläfe getroffen und verletzt worden. „Als wir einschritten, liefen die vier Männer davon“, berichtet die Augenzeugin.

  • Die beim Protest gegen christliche Fundamentalisten und Nationalisten festgenommenen Personen waren komplett in pink verkleidete Samba-Spieler*innnen, die während und nach den Kundgebungen musizierten. Die Polizei spricht nun von §285, „Störung einer Veranstaltung“. Die fünf Menschen wurden etwa sechs Stunden im Anhaltezentrum Roßauer Lände festgehalten und dann auf freiem Fuß angezeigt.

Links:

Buttersäure-Angriff auf Ulrike Lunacek (zur Anzeige gebracht als „Sachbeschädigung“)

Photostream Daniel Weber

Twitter-Hashtag #antianti

Sozialistische Linkspartei: handgreifliche Rechte

Sigi Maurers Blog: Wie die Polizei mit Demonstrant_innen und Nationalratsabgeordneten umgeht

Rechter Rap und schmissige Songs

Seit einigen Jahren untermalen rechte Parteien in Österreich ihre Wahlkämpfe mit Rap und Gesang. Eine Chronologie und Musikkritik

Der Wahlkampfsong hat eine langjährige Tradition. Schon 1966 etwa beträllerte die ÖVP potenzielle Wähler: „Entscheide gut! Entscheide frei! Entscheide für die Volkspartei!“ Doch erst in den Nullerjahren zog das Wahlkampflied – insbesondere durch die Unterkategorie Rechter Rap – in den Mainstream ein. Bezeichnend für dieses Musikgenre ist eine schwere Inhaltslastigkeit und das obligatorische Rufzeichen im Titel.

Die Nationalratswahl 2013 bot das breiteste Spektrum an Wahlsongs; das dürfte angesichts des Niederganges des Team Stronach und des BZÖ wohl auch der Höhepunkt des Genres bleiben. Die FPÖ aber könnte bald ein Album herausbringen. Aufgrund der Häufung dieser Phrase in ihren Songs kann der Titelvorschlag nur einer sein: „Österreich zuerst!“

Es ist nicht immer einfach, die zahlreichen Youtube-Parodien von den echten Wahlkampfsongs zu unterscheiden. Musikwissenschaftler arbeiten noch an der Bearbeitung und Beurteilung der historischen Faktenlage. Bis dahin liefere ich eine Übersicht.

Wien-Wahl 2015

FPÖ, „Immer wieder Österreich – Bleib mei Heimat du mei Wien“: Der neueste rechte Wahlsong ist – enttäuschenderweise – nicht der traditionelle Strache-Rap, sondern eine Ballade vom professionellen Wahlkampfveranstaltungssänger Werner Otti.

Anfangs stellt sich die große Frage: Was hat das eigentlich mit Wien zu tun? Wir sehen Berge, Bierzelte und Trachtenträger zu trägem Takt und nichtssagenden Lyrics. Werner Otti kann Straches Laiencharme und übertriebener Intensität mit seinem Schlagermimik nicht Konkurrenz machen. Einziger Lichtblick des Bergsteig-Teiles des Songs ist Kickls gequälte BergMiene – das mit dem Sporteln nimmt man den FPÖlern noch nicht so wirklich ab. Sind sie wirklich selbst raufgekraxelt oder mit dem Helikopter zum Fahnenfotoshoot abgesetzt worden? Generell war diese Location keine gute Idee: Helm und 90er-Sonnenbrillen schmeicheln nicht mal Gudenus Junior. Nach einigen Minuten Fahnenschwenkerei durch verschiedenste Akteure widmet sich das Lied dann doch noch mal schnell dem aktuellen Anlass: Wien, Fiaker, Stephansdom, Dings. Es hört sich an, als wäre das ein Song, das etwas stümperhaft aus zwei verschiedenen Liedern zusammengefügt worden ist. Multifunktionale Nationalballade, sozusagen. In den letzten Sekunden gibt es eine wunderschöne Strache-Zeitlupeneinstellung, wo der Chefe glänzäugig und bedacht in die Ferne starrt. Trotzdem: Nächstes Mal bitte wieder einen HC-Rap.

 

Europawahl 2014

FPÖ, „Österreich ist frei!“: Für diesen Track hat die FPÖ mit einem besonderen Gangster kollaboriert: Leopold Figl. „Österreich ist frei!“, ruft dieser ganz im Style amerikanischer Zweiteklasserapper im Hintergrund herum.

 
Auch hoffentlich bald aus dem Stand der Hintergrundwipper und -Nicker befördert: Gudenus Junior. Seine Performance kann nur eine große Karriere im Musikbusiness prophezeien. Der Männerchor im Refrain sorgt jedenfalls für Gänsehaut. Die junge „Anna Berger“, die HC schon 2013 als Freund wollte, steht nun unterstützend im Studio und singt mit, ist jedoch nicht zu hören. Nationalratsabgeordnete Petra Steger darf hinter den Söhnen Knittelfelds die rot-weiß-rote Fahne schwenken. Auch hier also deutliche Anleihen beim amerikanischen Hip-Hop: Jedes Video braucht seine Tänzerinnen. Musikalisch hat HC sich sowohl was Stil als auch was den Text angeht nicht weiterentwickeln können: Insbesondere der mittlerweile lahmende Takt braucht dringend eine Überarbeitung. Ähnlich scheinen dies auch seine Kollegen im Video zu sehen: Da war die Beteiligung im Jahr davor noch viel begeisterter.

 

Nationalratswahl 2013

FPÖ, „Steht auf, wenn ihr für HC seid!“: Zum ersten Mal lässt Strache anderen Künstlern aus der FPÖ im großen Stil Platz. Eine gute Entscheidung: Dies gehört zum Besten, was der Österreich-Rap videotechnisch zu bieten hat.

Nachdem sich der Schmalztiegel-Song „Liebe ist der Weg“ von FPÖ-Bühnenstar und „Die große Chance“-Kandidat Werner Otti als Snow-Patrol-Plagiat herausstellte, kümmerte sich HC schleunigst wieder selbst um die Vertonung seiner Nächstenliebe. Der Lip-Sync ist in „Steht auf, wenn ihr für HC seid!“ mehr als daneben: wahrscheinlich wurde der Song wegen der Otti-Pleite in äußerster Zeitknappheit und einem Take aufgenommen. Doch die daraus resultierenden Unsicherheiten und Insynchronitäten werden mehr als wettgemacht durch die Begeisterung der Künstler im Video. Wie insbesondere die älteren männlichen Abgeordneten und Mitarbeiter abgehen ist selten ergreifend.

Erwähnenswert dabei ist besonders der Nationalratsabgeordnete und für Tierschutz zuständige Josef A. Riemer (Minuten 1:04 und 2:05): Sein Enthusiasmus ist in der Musikwelt bisher unerreicht. Generell ist das Video mit seinem klugen Arrangement und der wirklich herausragenden Choreographie auf jeden Fall jenes mit dem größten Unterhaltungswert. Nicht wundernswert, wer sich als professionellster und selbstbewusstester aller Performer herausstellt: Herbert Kickl.

Team Stronach, „Nicht zu fassen!“: Otto Normalverbraucher liefert den Alpenrockhit schlechthin.

„Nicht zu fassen!“ ist das mit Abstand am professionellsten aufgenommene Video – obwohl vom finanziell formidabel gestellten Team Stronach eigentlich noch viel mehr zu erwarten wäre. Hier setzt man klassisch auf Heimatverbundenheit und Folklore-Einschlag, es kommt wohl als Zeichen der Abgrenzung von der FPÖ eine Abwendung vom klassischen Wahlrap auf. Team Stronach reitet auf der Gabalier-Welle und setzt statt auf monotonen Rap mehr auf Lederhosen, Schunkelmelodie mit Ziehharmonika: Volks-Rock’n’Roll mit AMA-Gütesiegel. Für den österreichischen Protestsong einzigartig ist die Selbstironie: Fränks Mantra „Nochamal!“ schrie aber auch förmlich nach einer musikalischen Verarbeitung.

BZÖ, „Genug gezahlt“: Eine künstlerisch interessante Entscheidung, das Video stark überzubelichten: Ein Symbol für’s „sonnige“ Kärnten?

 

Der wie die gesamte Kampagne genannte Song „Genug gezahlt“ ist das einzige heimische Polit-Pop-Erzeugnis, das sich mit englischen Versen ziert. „Teka tschäns wiff ass, wi häff päd enaff“ ertönt es da polyglott im Refrain. Volksnah wird hier die typisch österreichische Unfähigkeit, „th“ nicht notorisch als „ß“ oder „f“ auszusprechen zum Stilmittel erhoben. Der klassische Popsong mit viel „Ka-Ching“ hat durchaus Ohrwurmqualität, das Video zählt eher zu den Erfahrungen, die sich negativ auf der Netzhaut einbrennen.

 

Wien-Wahl 2010

FPÖ, „Wiener Blut“: Die Ära der Rap-Videos, in denen HC Strache im Tonstudio und auf Dächern performend zu bewundern ist, beginnt.

 

Seltsam an „Eye of the Tiger“ erinnernde Riffs erklingen am Anfang des Stücks namens „Wiener Blut“. Schon Jörg Haider war ja ein großer Fan epischster Epen wie „Final Countdown“ – ein Relikt? Egal, zur Wien-Wahl 2012 holt Strache jedenfalls zum melodiösen Häupl-Schlag aus. Der Beat wird schneller. Die besondere Entschlossenheit der FPÖ, Wien zu erobern, findet darin ihre metaphorische Entsprechung, im Refrain wird schon eiligst gezählt. Spätestens jetzt hört niemand mehr wirklich auf den Text: Vielleicht hat Kickl auch einfach einen Song-Generator programmiert. Bemerkenswert ist die spacige Verarbeitung des bekanntesten Teils aus „Wiener Blut“: Johann Strauß steppt im Grab. Die Sonnenbrille, das später legendär werdende Requisit der HC-Songs, hat hier ihren ersten Auftritt.

 

Landtagswahl Steiermark 2010

BZÖ, ohne Titel: Unentschieden zwischen Elektro und Volksmusik zeigt sich das Gerald-Grosz-Lied.

Laserkraft 3Ds „Nein Mann“ wird hier im Refrain zu einem Wahlaufruf. Dabei passt die aus dem original übernommene Wurschtigkeit in der Stimme so gar nicht zum euphorischen Text. Die weniger als mittelmäßige Grosz-Rede vor effektreichen Signalen und unzähligen Musikzitaten als Earcatchern bleibt der peinlichste Versuch, jung und aufstrebend zu wirken.

Angeblich nicht zum Wahlkampf, sondern einfach als Kraft-, Mut- und Hoffnungsgabe erschien „Ein Lied für Kärnten“. Gesungen wird es vom damaligen BZÖ Landesparteisekretär Christian Tschemering und BZÖ-Mitarbeiter Klaus Kotschnig. Backgroundvocals: Stefan Petzner.

Der Parteisong ist also im Austropop angelangt: Die eingängige Ballade ist das „I am from Austria“ Kärntens und sollte wie sein Vorbild die inoffizielle Hymne werden. Die Gesangsleistung des BZÖ bleibt von den restlichen Parteien ungeschlagen, „selbst die Neider ziag’n den Huat“. Papa Jörg wäre stolz: „So geht die Sunn’ in Kärnten wieder auf.“

 

Nationalratswahl 2008

BZÖ, „Wir reden nicht nur, wir handeln!“: Psychedelisch.

 

Der Wahlkampfsong des BZÖ zur Nationalratswahl 2008 ist besonders für eine Partei mit dem Gesangstalent Jörg Haider mehr als enttäuschend. Es handelt sich hier um eine Haider-Rede bzw. Jörg-Haider-Zitate, die von abgedrehtem Techno untermalt sind. Haiders Reden alleine sind weitaus weniger langweilig als dieses Stück, das sich nur für ausklingende Villacher Diskoabende eignet: etwa als Abturner, der die letzten hartnäckigen Gäste verjagt.

FPÖ, „Viva HC“: Das Bild von HC in Ché-Stil ist zwar kampagnentechnisch einer der größten Streiche der FPÖ. Musikalisch jedoch bleibt der Versuch im Rockigen – naja, ein Versuch.

Diese Portion musikalischer Wahlkampfhistorie ist zurecht in Vergessenheit geraten. Straches Rapstil – Vorlesen eines Gedichtes in der naiven Intonation eines Volksschulkindes – harmoniert so gar nicht mit den schweren Gitarrenriffs. Die Fußballchöre im Refrain reißen das Misswerk leider auch nicht aus dem Sumpf, für eine Verankerung im Wahlkampf und im Gedächtnis hat es nicht gereicht.

 

Graz-Wahl 2008

BZÖ, „Kein Bock“: Auch hier ist das historische Originalvideo verloren gegangen. Glücklicherweise kümmern sich Musikenthusiasten YouTubes aber um die Konservation dieser zeithistorischen Dokumente.

„Kein Bock“ vom Grazer BZÖ landet mit einem beispiellosen Fehlgriff in der Trance-Musik der 90er-Jahre. Der Versuch der Wiederbelebung dieser Tanzmusik bleibt erfolglos. Beispiellos dafür Häme und Spott „Ausländern“ gegenüber: Da wollte jemand hastig HC im Hass übertrumpfen. Gut, dass wir durch die eher schmale Verbreitung dieses Stücks wenigstens nicht in einen Diss-Krieg gekommen sind.

 

Nationalratswahl 2006

FPÖ, „Österreich zuerst!“: Diese Perle der österreichischen Musik ist glücklicherweise noch vereinzelt erhalten. „Wer das rassistisch sieht, ist selbst Schuld!“, erklärt in dieser Version der Metakommentar.

„Wer sich nicht integrieren will – für den hab ich ein Reiseziel. Ab in die Heimat, guten Flug! Arbeitslose haben wir hier selbst genug!“ Das Debüt von HC hat einen Flow. Einen mitreißenden Rhythmus mit smoothen Beats, die in der österreichischen Musiklandschaft unvergleichlich bleiben würden. Mit der Begründung des Genres Rechter Rap liefern die hiphoppelnden FPÖler also auch gleichzeitig seinen Gipfel. Wie bei allen Musikern zählt eben: Früher waren sie einfach besser.

BZÖ, „Wir halten zam für’s Heimatland“: Das BZÖ orientiert sich was Wahlkampflieder angeht zunächst an Schlagermusik.

Peter Westenthaler zeigt in „Wir halten zam für’s Heimatland“, dass er mit den meisterlichen Sounds eines HC Strache keineswegs mithalten kann. Treffender als es der oberste YouTube-Kommentar macht kann man es nicht ausdrücken: Hansi Hinterseer für Geschmacksarme.

 

Österreich: Antifaschismus braucht PR

Folgende Rede wurde am 22. Mai 2014 bei der Kundgebung zu Polizeirepression und Kriminalisierung antifaschistischen Protests in Wien gehalten. 

Krawalle, Rowdys, Gewalt, Straßenschlachten: so titelten alle Mainstreammedien über jede WKR-Demo und auch über #blockit letztes Wochenende. Alle internationalen Medien – BBC und dergleichen – schrieben über unverhältnismäßige Polizeigewalt und Eskalation Seiten der Exekutive. Was in Österreich Straßenschlacht genannt wird, heißt in anderen Ländern Dienstag. Als Kriegskind kann ich nur sagen: Österreich, halt’s Maul, du hast keine Ahnung, was eine Straßenschlacht ist.

Die Doppelmoral schlägt Salti, wenn ich daran denke, wie hysterisch über 230€ Sachschaden, umgeworfene Mistkübel und eingeschlagene Scheiben geweint wird. Es ist unbestreitbar, dass bei jedem Stadtfest, jedem Feuerwehrfest, jedem Donauinselfest, jedem Musikfestival und beispielsweise bei der in Österreich ausgetragenen Fußball-EM tausendfach mehr Schaden entstanden ist. Und um ein Vielfaches mehr an Gewalt.

Vermeintlich unpolitisch kann man in Österreich so viele Mistkübel umwerfen wie man will, so viele Straßenschlägereien anzetteln wie nötig. Gewalt, die Konsumverhalten unterstützt, wird geduldet – nein, begrüßt. Sie zeugt von ausgelassener Stimmung und einem gelungenen Fest.

Gewalt und Sachschaden werden in Österreich in einem beispiellos unkritischen Diskurs vermischt. „Gewaltbereit“ – was auch immer das bitte heißen soll – ist prinzipiell einmal jede*, die sich auch nur auf der Straße befindet. Schuld an Verletzungen durch die Polizei ist frau* dann naturgemäß selbst.

Manchmal denke ich mir, dass diese Rechten, gegen die ihr demonstriert, gar nicht das primäre Problem sind. Hinter diesen Rechten steht die Polizei, die ihnen die Wege freiräumt, sie durch eine Pfefferspraywolke geleitet, sie nach Hause fährt, wenn sie nicht mehr so richtig zur U-Bahn finden.

Die Polizei hat seit 1945 weitaus mehr Menschen getötet und misshandelt als Rechtsextremisten. Omofuma, Bakary, der erschossene minderjährige Merkureinbrecher oder ein verwesender Mensch in der Anstalt Stein: Das ist ein Faktum. Und hinter dieser Polizei stehen Medien, die ihre Arbeit nicht machen. Medien stilisieren sich ja gerne als die vierte Gewalt. Dazu müssten sie als Kontrollinstrument fungieren, was sie hier und heute nun wirklich nicht sind. Die vierte Gewalt, GEWALT, ein Wort, dass sie ja so gerne kritisieren – sie ist zum Handlanger der Polizei und der Rechten geworden, sofern diese beiden Dinge nicht eh schon dasselbe sind. Sie halten durch bewusst schwammige Formulierungen wie „gewaltbereit“ der Polizei den Rücken frei für Beliebigkeit und Eskalationsstrategien. Repression – auch nur das Wort – kennen nur die, die sie erfahren, und genau dafür sorgen die Medien.

Ihr werdet, einfach weil ihr euch engagiert, als Lügner*innen abgestempelt. Unter dem Mantel der Objektivität verschleiert man eure Gegenposition. Eure Ansichten, eure Blickwinkel taugen nichts, ihr wart ja da, ihr wart bei der Demonstration, also automatisch parteiisch, automatisch untauglich. Ihr werdet zu Lügner*innen, eure Erfahrungen verwaschen, kritisiert, belächelt. Anstatt mit euch macht man lieber hundert Interviews mit Politikern: die sagen ja immer die Wahrheit, wie wir wissen.

Und so üben sich die Medien statt in Recherche und, wie sie immer vorgeben, Beleuchten beider Seiten der Medaille im Distanzierungswettlauf. Natascha Strobl wird im ORF ausdrücklich und mehrmals dazu aufgerufen, sich von #nowkr zu distanzieren. Dabei ist gerade so ein Distanzierungsfetisch, wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, ein Kennzeichen fehlender Objektivität: Wenn ich das Gegenüber mit einer rhetorischen Falle ins Eck dränge, ist das genau das Gegenteil von Journalismus. Das ist tendenziös, das ist Manipulation.

Aber es geht noch weiter: Distanzierung reicht in Österreich ja nur aus, wenn man sich vollkommen in der Gegenposition auflöst. Der Nachgeschmack eines antifaschistischen Engagements säuert im österreichischen Medienmaul lange nach. Wer mal in Österreich nicht eindeutig rechts war, wird das immer und immer wieder vorgeworfen bekommen.

Ich warte noch auf den Tag, an dem sich Politiker*innen von einer Polizei distanzieren, die erwiesenermaßen misshandelt, tötet und Menschen sich selbst überlässt, bis sie am lebendigen Leibe verwesen. Einer der sofort wegen diesem Vorfall in Stein entlassenen Beamten, Roman Söllner, war in leitender Position bei den Freiheitlichen Arbeitnehmer*innen. Söllner kandidiert am Sonntag für die FPÖ. Wo bleiben jetzt die Distanzierungsaufrufe von Falter und ORF an die FPÖ? Wo?

Die Medien sind also nicht auf eurer Seite, und ich sage euch warum. Journalist*in ist ein prestigeträchtiger Beruf, die Redaktionen ersaufen in Bürgerlichkeit, Arbeiter*innenkinder sucht man vergeblich. Die niedrige soziale Mobilität in Österreich zeigt sich eben bei Prestigeberufen am deutlichsten. Und Bürgerliche halten nichts von so vulgären Dingen wie Demonstrationen oder Engagement. Der Trend geht weg vom Aufdeckungs- und Gonzojournalismus und hin zu Pseudoobjektivität und Big Data.

Ich erinnere mich nur an zwei Male, an denen die Medien – und sogar der Falter – auf eurer Seite waren. Ich spreche von der Causa „zaumg’rennt“ und vor dem Vorfall, als ein junges Pärchen nach dem Fortgehen beim Badeschiff festgenommen und misshandelt wurde. Dieser Beitrag schaffte es sogar in die Prime-Time im Öffentlich-Rechtlichen. Warum? Weil es so unleugenbare Beweise für das Fehlverhalten der Polizei gab, dass sogar das an acht Augen blinde Medienmonster sie nicht übersehen konnte.

Das ging also nur, weil ihr einen Teil der Arbeit – die Dokumentation – für die Medien übernommen habt. Sie machen ihre Arbeit nicht oder nicht mehr. Die Journalisten, die über eure Demos schreiben – oder besser – abschreiben, gehen nicht zu euren Demos. Wäre ja viel zu gefährlich, nicht wahr? Und unobjektiv obendrein. Die reine Anwesenheit an einer Demonstration, auch ihre Beobachtung, grenzt ja schon an Aktivismus. Und Journalismus und Aktivismus, so lernt man das ganz ganz früh in der unsäglichen Journalismus-Fachhochschule, die gehen nunmal wirklich nicht zusammen. Daher halten sich Journalist*innen von Aktivist*innen fern, alles andere könnte ihre ach so große Glaubwürdigkeit gefährden.

Meiner Meinung nach gibt es nur eine Möglichkeit, gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen: Ihr müsst mehr dokumentieren. Macht Videos, wenn Polizisten mit Pfefferspray und Schlagstöcken auf Menschen losgehen. Nehmt auf, wie sie mit euch reden, wenn sie euch festhalten, ruhig stellen oder in Gewahrsam nehmen. Dokumentiert alles. Crowdsourcing ist ja so modern: Nutzt es, um zu identifizieren, um mehrere Blickwinkel auf eine brenzlige Situation zu bekommen. Gründet Daten- und Mediennetzwerke. Öffnet Blogs, Tumblrs, über die Journalist*innen stolpern müssen. Wendet euch mit Stories an junge Journalist*innen, die noch keinen Ruf zu verlieren haben und noch ein fettes Ding für ihren Karriere-Durchbruch landen müssen. Vielleicht kommen sie so auf die Idee, unabsichtlich etwas richtig zu machen. Geht mit euren Daten an Medien im Ausland. Ihr müsst das wirklich alles selbst machen. Weil die Österreichischen, Bürgerlichen werden es nicht für euch tun.

In Österreich gibt es nichts Verpönteres, als unmissverständlich, radikal und öffentlich für etwas einzutreten – oder noch schlimmer, gegen etwas. Antifaschismus braucht in Österreich Öffentlichkeitsarbeit. Leider. Antifaschismus braucht PR, braucht Medienstrategien. Antifaschismus hat nämlich, im Gegensatz zu seinen Gegnern, keine Lobby.

Links:

Von Laurie Penny gibt es einen großartigen und ausführlichen Artikel zu diesem Thema.

Lightyear200 hat darüber gebloggt.

Offensive gegen Rechts

#blockit

#nowkr

Fünf Jahre WKR-Proteste

Freiheit für Josef!

Refugee-Protest

Fluchthilfeprozess

Erobern wir die Straßen zurück!

„Hast du gar keine Angst, nachts alleine unterwegs zu sein?“ Nein, habe ich nicht. Sollte ich etwa?

Mich hat es ja immer etwas geärgert wenn mich (vorwiegend weiße, hetero Cismänner) in meiner Jugend fragten, ob ich mich auf den Straßen sicher fühle.* Fast überrascht waren sie, wenn nachts nach dem Fortgehen alleine nach Hause zu gehen für mich das Selbstverständlichste überhaupt war. Nicht zuletzt hatte ich auch einige Partner, die sehr besorgt-bevormundend auf dieses Verhalten meinerseits reagierten.

Ich wohne in Wien, und das schon lange Jahre. Wien ist (auch nachts) eine sehr sichere Stadt – was Kriminalität und „ihre“ Straßen angeht. Wien hat kein Ghetto, keine Bronx, kaum die sprichwörtlichen dunklen kleinen Seitenstraßen. Wien ist, auch objektiv und international gesehen, eine Wohlfühl-Insel schlechthin – mit ihren kleinen, feinen Nuancen natürlich.

Foto: Olja Alvir
Foto: Olja Alvir

Mitnichten habe ich lediglich in behüteten bürgerlichen Bezirken gewohnt. Der 20. etwa ist einer der Bezirke mit höchstem Migrantenanteil (Und Migration = Gewalt und Kriminalität, nicht wahr?); meine Garçonnière direkt am Hernalser Gürtel war sicher auch kein Hochsicherheitsnest. Trotzdem habe ich mich wirklich nie als Frau auf der Straße unsicher gefühlt – auch wenn ich nicht von Harassment (tags und nachts) verschont geblieben bin.

Ich hatte regelmäßig sogar das Gefühl, dass alleine die Frage „Hast du gar keine Angst?“ ein Akt der Diskriminierung war. „Du hast auf der Straße nachts (alleine) nichts zu suchen!“, schien dies zu sagen, „Du brauchst Männer, die dich vor anderen Männern beschützen!“, war für mich irgendwie die Botschaft. Fast beleidigt war ich von solchen Statements.

Nun weiß ich selbstverständlich und nehme ernst, dass es Gegenden auf der Welt gibt, in denen Frauen* auch tagsüber nicht sicher sind und dass Street Harassment und Gewalt gegen Frauen* auch in vermeintlich zivilisierten Flecken Realität sind. Trotzdem: Irgendetwas an diesem Satz lässt mich immer wieder sauer aufstoßen.

Ich habe das Gefühl, dass das fürchterliche Verhalten, das teilweise von „herumstreunenden Männerbanden“ in nächtlichen Städten ausgeht, teilweise ein Resultat der Abwesenheit von Frauen* ist. Sie sind unter sich, sie verstehen die Nacht als ihr Gebiet. Ich will eigentlich nicht auf biologistische Territorialvorstellungen eingehen, aber, frau kann vielleicht sagen: Präsenz ist hier ein Machtfaktor.

Deshalb mein reißerischer Titel: Erobern wir die Straßen zurück! Anstelle einander mysteriös etwas von einer nebeligen „Angst“ einzuhauchen, sollten wir vielleicht kommunizieren, dass Frauen* genauso das Recht haben, öffentlichen Raum zu nutzen wann und wie sie wollen. Statt „Hast du gar keine Angst?“ (Übersetzt also: „Du solltest Angst haben!“) wäre es vielleicht produktiver, zu erklären, was man konkret gegen Street Harassment und bei Gewalt tun kann.

Ich denke wirklich, dass die Nacht ein wenig sicherer wird, je ausgewogener das Gleichgewicht zwischen Frauen* und Männern* ist, die sich in ihr bewegen. Habt also keine Angst, ich gehe vor.

Links:

http://www.stopstreetharassment.org/

*Disclaimer: Ich habe nicht annähernd genug zu diesem Thema gelesen, als dass mein kleiner Beitrag hier repräsentativ sein könnte oder gar ein Ratschlag. Dies ist ein Versuch, meine Gedanken dazu loszuwerden. Bitte mit Vor- und Nachsicht genießen.

Es gibt keinen Schwarzen Block!

Die österreichischen Medien demonstrieren im Diskurs über den Akademikerball ihre Weltfremdheit und Ahnungslosigkeit

Ingrid Thurnher fordert im Zentrum OGR-Demo-Organisatorin Natascha Strobl auf, sich vom sogenannten „Schwarzen Block“ zu distanzieren. Robert Misik ruft auf seiner Facebook-Seite Sprecher des Schwarzen Blocks dazu auf, sich zu den Krawallen zu äußern. Die Distanzieritis greift um sich, geschmissene Mistkübel und zerbrochenes Glas werden skandalisiert. Anstatt sich zu Fragen, warum Holocaustüberlebende vertrieben werden, damit rechte Burschis tanzen können, rätselt man darüber, wer zum Schwarzen Block gehört.

Eine ähnliche Rätselraterei hatten wir ohnehin schon bei den Anonymous-Bewegung. Und wer war nochmal Anonymous? Keiner und alle. Und genau so verhält es sich auch mit dem Schwarzen Block. Es gibt ihn nicht in der Form, in der er von den Medien vermittelt wird. Es ist keine Gruppe, es ist kein Verein, keine Verbindung Gewaltbereiter. Es handelt sich beim Schwarzen Block nicht um Menschen, sondern um eine (Demonstrations-)Taktik.

Es kann ja sein, dass man als früher und anders sozialisierter (Medien-)Mensch nicht versteht, wie halbmoderne Antifa-Strukturen funktionieren. Doch das darf nicht daran hindern, dass man als JournalistIn den Job ernst nimmt. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Demonstrationsrecht, Anonymität und Polizeirepression muss her. Wir dürfen nicht weiter den Sündenbock reiten.

Diese Konzentration in der Berichterstattung auf diesen ominösen Schwarzen Block, die Krawalle und die “Gewalt”, die mutmaßlich von der Demonstration ausgeht, ist eine mediale Sackgasse. Dieser sind ausnahmslos alle ausländischen Medien, die über den Akademikerball berichteten, entgangen: Minor Incidents, kleine Zwischenfälle also, schrieb die BBC. Krawall, Gewalt, Krieg, Ausschreitungen schreiben wir. Polizei und Medien sind sofort auf das sorgfältig vorgekaute FPÖ-Narrativ aufgesprungen.

Bei anderen Events, bei denen weitaus mehr Sachbeschädigung entsteht, wie beispielsweise nach Fußballspielen (man erinnere sich an die EM), dem Donauinselfest oder Silvesterfeierlichkeiten, gehört dies einfach dazu. Warum? Weil sie Geld einbringen. Wer geht mit Pfefferspray gegen Böller-Terroristen vor? Wer distanziert sich von Rapid-Hooligans? Wer ruft nach einem Verbot des Donauinselfests aufgrund der Umweltzerstörung, der Krawalle, der Kriminalität, den Vergewaltigungen? Niemand. Weil es sich hier um gesellschaftlich und wirtschaftlich legitimierte Gewalt handelt.

Man könnte ja die Ereignisse zum Anlass nehmen, über Faschismus in Österreich, strukturelle Gewalt und Repression sowie offene Angriffe auf Demokratie, Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsrecht zu sprechen – etwa seitens des Wiener Polizeipräsidenten Pürstl oder ÖVP-Jank. Aber stattdessen weinen wir lieber Krokodilstränen übers Zerbrechen versicherter Scheiben, als wären diese das tatsächliche Problem. Österreichs Bewältigungsstrategien für politischen Widerstand bleiben fraglich.